Gewalt im Gesundheitswesen: Ein Symptom gesellschaftlichen Werteverfalls

Zu Beginn dieses Jahres wurden die Ergebnisse des MB-Monitors 2024, einer seit 2007 regelmäßig durchgeführten Mitgliederbefragung des Marburger Bundes, vorgestellt. Dabei alarmierend und doch kaum überraschend ist die Fortsetzung eines besorgniserregenden Trends: Immer mehr Ärztinnen und Ärzte denken darüber nach, ihren Beruf zu verlassen. Bereits der MB-Monitor 2022 hatte eine steigende Unzufriedenheit im ärztlichen Berufsumfeld dokumentiert und die aktuellen Zahlen verdeutlichen, wie sehr sich diese Entwicklung weiter zuspitzt. Die Rahmenbedingungen in Klinik und Praxis, geprägt durch wachsende Belastung infolge zunehmender Bürokratie und sich verschärfenden Fachkräftemangels setzen die Ärzteschaft unter Druck. Die daraus resultierende Erschöpfung und Frustration sind unübersehbar.
Steigender Frust und die Gefahr der Abwanderung
Der Anteil derjenigen, die im Jahr 2024 ernsthaft darüber nachgedacht haben, ihren Beruf aufzugeben oder abzuwandern, ist mit 28 Prozent so hoch wie nie zuvor. Zweifel an ihrer langfristigen beruflichen Perspektive äußern besonders junge Ärztinnen und Ärzte, die unter prekären Arbeitsbedingungen, unzureichender Wertschätzung und einer enormen Arbeitsbelastung leiden. Viele verlassen die Kliniken, manche kehren der Medizin sogar ganz den Rücken. Dieser besorgniserregende Trend gefährdet langfristig die Gesundheitsversorgung auch in Bayern.
Zudem steigt die Teilzeitquote weiter an: Während 2013 noch 15 Prozent der Ärztinnen und Ärzte in Teilzeit arbeiteten, waren es 2022 bereits 31 Prozent. Aktuell sind es bereits 36 Prozent. Dies ist nicht nur Ausdruck individueller Work-Life-Balance-Überlegungen, sondern auch ein Symptom dafür, dass viele „Vollzeitstellen“ (unter Einbezug der Überstunden und Dienste sind sie wohl weit mehr als das) unter den derzeitigen Bedingungen schlicht nicht mehr (er)tragbar sind.
Gewalt gegen Ärztinnen und Ärzte nimmt zu
Ein bedrückendes Phänomen, welches der MB-Monitor 2024 beleuchtet, ist die zunehmende Gewalt gegen medizinisches Personal. So berichten 41 Prozent der befragten Ärztinnen und Ärzte, in den letzten fünf Jahren eine Zunahme von Gewalt in ihrem Arbeitsumfeld wahrgenommen zu haben. Schon in den vergangenen Jahren hatte sich in Umfragen das vermehrte Vorkommen von Beleidigungen, Bedrohungen und sogar körperlichen Übergriffen in Praxen und Kliniken abgezeichnet. Was früher als „Einzelfälle“ wahrgenommen wurde, tritt mittlerweile mit unschöner Regelmäßigkeit auf: Gewalt gegen Ärztinnen und Ärzte ist fast schon alltäglich geworden.
Der Beruf der Ärztin oder des Arztes, einst hoch geachtet und mit Vertrauen verbunden, verliert in den Augen Vieler zunehmend an Wertschätzung. Patientinnen und Patienten, die Ansprüche stellen, aber Respekt vermissen lassen, und Angehörige, die Aggressionen gegen das medizinische Personal richten, sind keine Seltenheit mehr.
Ein gesamtgesellschaftliches Problem
Das Gesundheitswesen findet sich dabei allerdings in keiner Sonderrolle. Vielmehr greift ein breiter gesellschaftlicher Wandel um sich, bei dem Respekt vor Autoritäten und Fachwissen zunehmend infrage steht und Vertrauen in Institutionen und Experten schwindet. Diese Entwicklungen heizen – in sozialen Medien wie in der Politik – Protagonisten an, welche als falsche Vorbilder Wissenschaft und Expertise mit Füßen treten. Sie leisten so der Verrohung der Gesellschaft – von der sie zu profitieren suchen – Vorschub. Der rückläufige Respekt vor Ärztinnen und Ärzten ist dabei nur ein Symptom einer höchst unersprießlichen Entwicklung.
Unsere Gesellschaft sollte sich allerdings bewusst machen, wie wichtig Ärztinnen und Ärzte nicht nur als Dienstleister sondern als Träger von Verantwortung und Mitmenschlichkeit für sie sind. Neben finanziellen und organisatorischen Rahmenbedingungen, bei denen bekanntlich auch vieles im Argen liegt, sind Respekt und Vertrauen sowie Anerkennung und Wertschätzung elementare Grundlagen für eine funktionierende medizinische Versorgung – auch in Bayern.
Gewalt gegen medizinisches Personal muss daher nicht nur verurteilt, sondern auch konsequent verfolgt werden. Die Bayerische Landesärztekammer setzt sich deswegen weiterhin vehement für den Ausbau des besonderen Schutzes aller Gesundheitsberufe durch eine Reform des Strafrechts ein, wie zuletzt vom 83. Bayerischen Ärztinnen- und Ärztetag nachdrücklich gefordert. Es ist an der Zeit für Politik und Gesellschaft, Verantwortung wahrzunehmen und endlich mit den notwendigen Veränderungen zu beginnen. Darüber hinaus ist es aber vor allem Zeit, sich wieder auf Werte wie Respekt und Vertrauen sowie Anerkennung und Wertschätzung zu besinnen.
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